Über den langen Weg ins Profigeschäft - mit Stormstormer

Dota 2 Analyst
veröffentlicht am 31.03.2020

Daniel „Stormstormer“ Schoetzau ist einer der besten Midlaner Deutschlands. Seit langer Zeit ist er ein fester Bestandteil der am höchsten eingestuften Spieler in Europa und vor allem für seinen Invoker bekannt, auf dem er bereits mehr als 2500 Spiele gespielt hat. Stormstormer spielte in Teams wie LeftOneTV und HappyGuys lange Zeit semi-professionell und schaffte es 2019, sich mit Team Bald für den TI Closed Qualifier zu qualifizieren. Stormstormer streamt regelmäßig auf Twitch, soweit es sich mit seinem Studium vereinbaren lässt. Wir sprechen über seinen Weg in Dota 2 und seinen Livestream auf Twitch, welchen ihr ab sofort auf shokz.TV findet, wenn er Dota 2 livestreamed.

"Es ist auf jeden Fall mein Wunsch, mit Dota 2 mein Geld zu verdienen" - Ein Interview mit Stormstormer

Hallo Daniel, zunächst einmal die Klassiker: Wie hast du mit Dota angefangen? Was begeistert dich an dem Spiel?

Stormstormer: Ich habe früher Warcraft 3 gespielt, das war eines der ersten Spiele, die ich in meinem Leben gespielt habe, mit meinem Bruder zusammen. Das habe ich wahrscheinlich schon gespielt, als ich acht Jahre alt war, ich habe früh angefangen. Bei WC3 gab es dann die Custom Games, wo ich Dota entdeckt habe, was mir am Anfang viel zu komplex erschien, weswegen ich nur einmal gespielt, gefeedet und direkt wieder aufgehört habe. Dann bin ich drei Jahre später über einen Klassenkameraden wieder darauf angesprochen worden, der darauf bestanden hat, dass ich es nochmal ausprobiere und dieses Mal - da war ich wohl so zwölf Jahre alt - hat es mir viel mehr Spaß gemacht. Ich konnte viel mehr in die Materie eintauchen, mein Englisch wurde besser, sodass ich die Skills auch lesen konnte und die Community wurde schon echt groß, man hat im Custom Game Browser nur noch Dota, Dota, Dota gesehen. Dann habe ich schon angefangen, eine Menge in meiner Freizeit zu spielen, Dota 2 war da noch gar nicht draußen. Als dann Dota 2 announced wurde, mit dem International und allem Drum und Dran, war ich hin und weg. In Dota 1 gab es schon ein paar Sachen, die mich gestört haben, wie zum Beispiel, dass die Einheiten so komisch gelaufen sind und so weiter, du hattest keine Itemhotkeys, zumindest hast du die nur über Umwege bekommen. Darum war ich mega aufgeregt, als Dota 2 angekündigt wurde und ein paar Beta-Keys verteilt wurden – ich wollte unbedingt einen haben. Dann, im April 2012, habe ich einen bekommen und konnte direkt nicht mehr aufhören zu spielen. Direkt als ich ins Spiel gekommen bin und das klimpernde Geräusch vom Gold gehört habe, das war viel zu geil. Schon davor war ich jemand, den der Wettkampf sehr gereizt hat – ich habe vorher auch Starcraft 2 halbwegs kompetitiv gespielt und an Clan Wars und so teilgenommen. Ich war schon immer jemand, der ein Kräftemessen gerne gehabt hat und Dota ist da ja genau ein Spiel dafür, mit so viel Komplexität bis in die Tiefen, da ist ja gar kein Limit gesetzt, wie man selbst heute noch sieht! Die Spieler wissen heute noch nicht, wie man es perfekt spielt. Vor allem auf dem Toplevel siehst du immer wieder, wie alle Leute verschiedene Ansichten haben, wie man ein Spiel angeht und genau das ist es, was das Spiel so gut macht. Es ist nicht so, dass man es irgendwann durchschaut hat und es wird langweilig, weil alle wissen, was sie tun müssen, sondern du hast immer neue Denkanstöße und Inspiration. Und dann siehst du auch wieder riesen Turniere wie das International, wo riesige Crowds die zehn besten Spieler anfeuern, das ist schon eine aufregende Sache.

 

Du bist seit langem in den Top 100 der besten Dota 2 Spieler in EU. Erinnerst du dich noch an den Moment, als du gemerkt hast, dass du das Potential hast, einer der besten zu werden?

Stormstormer:  Da erinnere ich mich sehr, sehr genau dran! Das war einer der Tage, die werde ich nie vergessen. Es war ein Pubgame und da habe ich Invoker Mitte gespielt. Zu dem Zeitpunkt hatte ich schon viele Spiele und es war schon ein Erfolgsmoment für mich, auf Dotabuff in den Top 100 Invoker Spielern geführt zu werden. Das ist so 4-5 Jahre her, ich habe damals schon den Helden geliebt und gespamt, obwohl der Held noch nicht so populär war. Jedenfalls kam ich dann in ein Spiel, da war ich in einem höheren Matchmaking als normal und es war der ein oder andere Pro dabei, was damals eine riesen Besonderheit war, man hat nie Profis getroffen. Das war so im 6k MMR Bracket und plötzlich kamen die Zuschauer rein. Du siehst ja oben links die Anzahl der Zuschauer im Spiel, in meinen Games hat nicht eine Person mal zugeschaut. In dem Spiel war es dann aber so, dass das ganze komplett eskaliert ist, ich weiß immer noch nicht warum, links sind die Zahlen hochgeschossen wie nichts. Erst hundert, dann tausend, fünftausend Zuschauer waren in dem Spiel und ich weiß nicht warum. Wahrscheinlich war Miracle im Gegnerteam und ich habe es nicht gewusst. Jedenfalls bin ich mit meinem Invoker komplett drübergefahren und ich habe geschwitzt bis zum Geht-nicht-mehr. Es war der Wahnsinn. Ich habe zu meinem Bruder gerufen: „Komm rüber, guck dir das an, was passiert hier?“, und oben rechts kamen die Friendrequests rein. Mit jeder Combo, jedem Kill habe ich Friendrequests bekommen. Dann, nach dem Spiel, da hatte ich so 25 Kills, hatte ich so 200 Friendrequests. Das war ein echt geiler Moment für mich. Es war das erste Mal, dass ich in so einem hohen MMR gespielt habe, mit guten Spielern, bekannten Namen und wo die Aufmerksamkeit so auf mich kam. Das war jetzt nicht so die gigantische Aufmerksamkeit, aber schon ein massiver Ego-Boost und eben das Gefühl, gegen richtig gute Leute zu spielen. Damals habe ich noch bei jedem Lasthit gegen einen guten Spieler gezittert, aber das wurde immer weniger. Heute kann ich gegen Miracle lanen und mein Puls geht nicht mal hoch.

 

Besteht bei dir Interesse, ein professionelles Team zu finden?

Stormstormer: Ja, das besteht auf jeden Fall. Ich bin momentan im fünften Semester und arbeite noch währenddessen als Werkstudent. Aber ich merke immer wieder in der Uni und auf der Arbeit, dass meine Hauptleidenschaft einfach Dota ist. Ich fühle mich nirgendwo so erfüllt wie dort. Wenn ich ein geiles Game hinter mir habe, dann bin ich einfach glücklich. Wenn ich in einem Turnier bis zum Ende komme, das ist eines der besten Gefühle. Es ist also auf jeden Fall mein Wunsch, mit Dota 2 mein Geld zu verdienen, aber es hat sich in den letzten Jahren auch immer wieder gezeigt, wie schwer dieser Weg ist.

 

Was für Voraussetzungen muss man erfüllen, um als guter Pub-Spieler eine Chance im Profi-Geschäft zu haben?

Stormstormer: Was einen Profispieler also quasi von normalen Spielern abhebt? Da gibt es verschiedene Sachen, das erste ist wahrscheinlich das Mindset. Es macht einen riesen Unterschied, wie du an die Spiele rangehst. Wenn du bis Rang 1000 oder so gekommen bist, dann kann das sein, weil du sehr talentiert bist, in anderen Spielen schon Übung hattest oder sowas. Aber wenn du weiterkommen willst, musst du daran arbeiten, dass du selbst lernst. Das heißt wenn du in ein Spiel kommst, darf dein Ziel auf keinen Fall sein „Ich möchte gewinnen“, das sollte vielleicht ein kleiner Ansporn sein, aber das Hauptziel sollte definitiv sein, dass du dich verbesserst. Also vor dem Spiel, wenn du deinen Helden pickst, solltest du wissen, warum du die Sachen tust, die du tust, jede Entscheidung im Spiel wissentlich tun, nicht vor dich herklamüsern. Alles bewusst machen, konzentriert spielen und nach dem Spiel überlegen, was du hättest besser machen können. Wenn ein Teammate etwas tut, was dir nicht gefällt – wie es in Dota in 99% der Spiele üblich ist – dann zermürbe dir nicht den Kopf darüber, sondern konzentriere dich weiter auf dich und wie du das beste aus der Situation machen kannst. Das ist, wie in vielen anderen Situationen im Leben, das Wichtigste. Abgesehen davon ist wichtig, dass man sich klarmacht, dass es ein großes Zeitinvestment ist, also man muss wirklich sehr, sehr viel Zeit investieren, um sein Ziel zu erreichen und das Spiel sollte einem natürlich Spaß machen. Man sollte es nicht als Hauptziel sehen, dass man damit Geld verdienen kann, wenn man die hohen Preisgelder sieht. Es sollte sich schon so anfühlen, dass jedes Spiel immer noch Spaß macht. Abgesehen davon ist es auch super wichtig Kontakte aufzubauen! Das ist wirklich ein riesen Ratschlag, man sollte wirklich nach jedem Spiel versuchen, Leute zu adden. Es kostet dich gar nichts, wenn du mit einem Profi gespielt hast, auf den Knopf zu drücken und ihn zu adden. Vielleicht funktionierts, vielleicht nicht. Und das muss man wirklich pushen, denn mit Kontakten kommst du in Teams, in Teams lernst du Sachen, die du in Pubgames nicht lernen kannst, und das ist am Ende ein Zyklus, der immer weitergeht.

 

Du streamst schon länger auf Twitch, was hat dich dazu verleitet und was möchtest du deinen Zuschauern zeigen?

Stormstormer: Die zwei Hauptsachen waren einfach Abwechslung und Geld – ganz simpel gesagt. Abwechslung, denn Dota ist ein relativ einsames Spiel. Das klingt vielleicht erstmal komisch, weil du ja im Team spielst, aber ein großer Bestandteil des Profi-werdens ist eben die Solo-queue, damit du im Ranking steigst. Und darum ist es irgendwann recht einsam, wenn du deine acht Games oder so am Tag spielst, da hat man irgendwann keinen Bock mehr drauf, grade wenn du etwas extrovertierter bist, wie ich, dann macht es keinen Spaß. Deswegen habe ich mir gedacht, ich möchte ein bisschen Streamen, ich habe die Gelegenheit dazu, ich kann meinen Zuschauern zeigen wie man Invoker spielt, das wird für viele interessant sein. Und dann verdient man ja sogar noch ein wenig Geld damit, das geht ja durch Twitch super einfach, durch die Donations und die Subscribtions.

 

Wie siehst du die deutsche Dota 2 Szene im internationalen Vergleich?

Stormstormer: Wir sind auf jeden Fall mit dabei. Wir sind in vielen Teams vertreten. Black^ hat viel in China und jetzt in SEA gespielt. Es gibt Kandidaten, die man gern mal vergisst, wie zum Beispiel Fata, oder qojqva. Und natürlich nicht zu vergessen KuroKy. Unsere Spieleranzahl ist vielleicht etwas geringer als zum Beispiel in Schweden oder so, aber das ist natürlich schlecht einzuschätzen. Die Spieler sind alle sehr verteilt, es gibt keine zwei deutschen Pros, die in einem Team zusammenspielen, was sehr interessant ist.

 

Denkst du, dass regelmäßige nationale Turniere wie die ESL Meisterschaft dazu führen können, dass die deutsche Szene international konkurrenzfähige Teams hervorbringt?

Stormstormer: Also meinst du rein deutsche Teams?

 

Ja, zum Beispiel. Ist es denkbar, dass ein rein deutsches Team Tier 2-Niveau erreicht?

Stormstormer: Möglich ist natürlich alles, ich denke nur, es ist unwahrscheinlicher. Eine der Hauptkomponenten in einem Dota Team ist, dass sich die Leute gut verstehen, dass die Chemie stimmt. Und du hast natürlich ein weit größeres Spektrum an Spielern, wenn du deinen Rahmen ausweitest. Also wenn du dich nur auf die deutsche Szene beschränkst, hast du erstmal das Problem, dass du einen Spieler für jede Position brauchst. Also erstmal für jede Position jemanden zu finden ist schon schwer und diese Spieler müssen sich dann auch noch gut verstehen. Und darum glaube ich, dass auf lange Sicht ein professionelles deutsches Dota Team unwahrscheinlich ist. Der Grund, warum es zum Beispiel so viele russisch-sprachige Teams gibt ist, glaube ich, einfach die Sprachbarriere. Also, dass es da einfach viele gibt, die kein Englisch sprechen und deshalb im russischen Raum bleiben. Aber da die meisten in Europa Englisch sprechen, bietet es sich einfach an, seinen Rahmen auszuweiten.

 

Nun ist ja auch vor kurzem Patch 7.25 erschienen, hattest du schon die Gelegenheit ihn zu spielen? Welche Changes interessieren dich am meisten?

Stormstormer:  Ja, Earth Spirit ist overpowered! Earth Spirit Mitte fährt einfach drüber. Abgesehen davon bin ich erstmal sehr glücklich, dass ein neuer Patch kam, ich habe das nicht kommen sehen zu diesem Zeitpunkt. Ich bin auch sehr froh, dass Dota momentan so regelmäßig gepatcht wird. Die Änderungen sind spürbar, aber nicht gigantisch, zum Beispiel fand ich 7.24 größer, als die Neutral Items auf eins pro Spieler beschränkt wurden. Spezifische Hero-Changes… leider wurde Invoker ja gar nicht angefasst, es wurden nur die Boots of Travel für ihn generft. Helden wie Death Prophet und Lycan werden grade immer stärker, Ursa sieht man fast jedes Spiel und auch Weaver scheint mir sehr stark zu sein. Es gibt noch eine Menge „hidden Champions“ hier und es könnte noch eine Weile dauern, bis die entdeckt werden, ich glaube Earth Spirit Mitte könnte wirklich ein Kandidat sein. Mit den 65 Damage als Level 10 Talent haut der alles kaputt.

 

Wirst du den auch in deinen Pubs jetzt spammen?

Stormstormer: Hab schon gespamt (lacht). Zehn, fünfzehn Spiele habe ich schon.

 

Wie, denkst du, wird die neue Pickorder im Ranked das Meta verändern?

Stormstormer: Ich finde es erstmal sehr interessant. Ich weiß nicht, ob Profis das so sehr mögen, da es im Captains Mode [dem in Turnieren üblichen Modus Anm. d. Red.] ja noch nicht verändert wurde. Wenn du jetzt Pubs spielst, ist das grade für Midlaner ein völlig neues Verhältnis verglichen mit Captains Mode. Im Captains Mode ist es immer noch super wichtig ob du First- oder Lastpick hast, der Midlaner kann entweder gekontert werden oder eben nicht und daran hat sich dein Heropool orientiert. Da hat der Draft oft drauf basiert. Jetzt ist es im Captains Mode und dem normalen ranked All Pick, welches Profis ja auch den ganzen Tag spielen, komplett unterschiedlich. Persönlich finde ich den Change cool, es macht manche Helden viel mehr spielbar, zum Beispiel Invoker wird nicht mehr jedes Mal von Broodmother gekontert oder so. Aber es ist auch mehr Glück reingekommen. Ich habe schon viel erlebt, wie beide Carrys gleichzeitig gepickt wurden und der eine den anderen komplett ausgekontert hat. Man kann argumentieren, dass da auch Skill reinspielt, weil man ein wenig vorhersagen kann, was der Gegner picken will, aber das ist schon weit gegriffen. Also ich finde schon, dass jetzt mehr Glück im Draft ist, aber mich – als Midlaner – freut es sehr, weil viele Helden jetzt spielbarer erscheinen als zuvor.

 

Vielen Dank für das Interview! Aber zuletzt: Was sind deine Pläne für die Zukunft? Wirst du an weiteren deutschen Dota-Turnieren teilnehmen? Wie können Leute dir auf Social Media etc. folgen?

Stormstormer: Mein Plan ist auf jeden Fall, jetzt erstmal die Uni zu absolvieren. Die soll bis zum Abschluss meines Bachelors im Vordergrund stehen. Währenddessen werde ich so viel Dota wie möglich spielen, ohne mein Sozialleben zu vernachlässigen. Solange ich Zeit habe, werde ich Dota spielen und versuchen meinen Rang immer weiter zu verbessern und auf Angebote von Teams warten. Ich werde nicht aktiv nach einem Team suchen, sondern warten, bis Leute auf mich zugehen. Nach der Uni könnte ich mir vorstellen, nochmal Vollzeit auf Dota zu "committen", das ist auf jeden Fall eine Option, die ich mir offen halte. Was Social Media angeht bin ich auf Twitter etc. extrem inaktiv, insofern ist mein Twitchkanal twitch.tv/stormstormer der beste Weg, wie man mir folgen kann. Da streame ich ab und zu, nicht sehr oft, aber da kann man dann viel Invoker sehen, auch wenn der Held grad wieder etwas unpopulärer ist.

 

Das Interview wurde von "DaHorsty" in sprachlicher Form geführt, transkribiert und an den Stil der geschriebenen Sprache angepasst.

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Twitch Kanal von Stormstormer: https://www.twitch.tv/stormstormer

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